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KNX: „ETS Inside“ – Heilsbringer oder Mogelpackung?


It’s the best thing that you’ve ever had
The best thing that you’ve ever, ever had
It’s the best thing that you’ve ever had
The best thing you’ve had has gone away

High & Dry, Radiohead

Servus miteinander!

Wir wollen uns heute in aller Kürze mit dem neuen KNX Inbetriebnahme-Tool ETS Inside beschäftigen. Wir haben die Lösung bereits vor dem Rollout in unserem letzten Beitrag kurz vorgestellt.

Die Software ist seit Mitte März 2017 für unter 200 € für jedermann verfügbar.

Nach eigener Aussage verspricht das neue Werkzeug den

einfachen Einstieg in die Smart-Home-Welt, um jede „kleinere bis mittlere KNX-Installation“ zum Laufen zu bringen.

Hierzu ist kein externer Techniker notwendig – lediglich ein kleiner Windows-10-Rechner plus (Tablett-)App und schon kann es losgehen.

Schöne neue Welt! Aber kann die vergleichsweise günstige Alternative (ab 160 €) mit der „Wucher-Schwester-Version“ ETS5 Professional (ab 1000 €) mithalten? Für dich ist sie vielleicht mehr oder doch eher weniger geeignet…

Wir schauen uns die Features sowie die Schwächen der aktuellen Version [5.6.545.21226] an:

Voraussetzungen

ETS Inside Device (Server):

OS: Microsoft Windows 10 (nicht Windows 10 IoT!)
CPU: ≥ 2 GHz
RAM: ≥ 2 GB
Speicher: ≥ 20 GB
Display: ≥ 1024 px x 768 px

ETS Inside APP (Client):

ETS Inside für iOS-Geräte
iOS-Version mindestens: 9.0
Gerätefamilie: iPad

ETS Inside für Android-Geräte
Android-Version mindestens: 4.0

ETS Inside für Windows-Geräte
Windows-Version mindestens: 10.0

Einstieg/Installation

Der Einstieg ist nicht besonders aufwändig:

  1. Server-Setup von https://my.knx.org/ herunterladen und auf dem ETS Inside Device eurer Wahl installieren.
  2. Client-App installieren.
  3. App starten und mit dem Server verbinden.
  4. Projekt anlegen.

Features

Feature ETS Inside
Medientyp TP, IP, RF, PL
KNX Secure Ja
Max. Anzahl Projekte 1
Max. Anzahl Geräte pro Projekt 255 pro Medientyp
KNX-Geräte (Standard) Ja
KNX-Geräte mit Plug-Ins Nein
Lizenz-Kosten [EUR] 160
ohne Zusatz-Hardware Nein

Einschränkungen

Kommen wir nun zu den „Schattenseiten“ der ETS Inside. Folgende Handicaps müsst ihr beachten:

Kein Import/Export/Archivierung:

Erstellte Projekte können derzeit weder exportiert/archiviert noch importiert werden. Ein Austausch oder die Wiederherstellung von Projektdaten demnach nicht möglich! Ein Backup der Projekte muss daher auf anderen Wegen erfolgen (z. B. Komplett-Image der Windows-Partition auf einem externen Datenträger, etc.).

Keine ETS5 Pro Synchronisation:

Die anfangs angekündigte Synchronisation mit der ETS 5 Professional wird momentan nicht unterstützt! Das bedeutet, dass euer Stamm-Elektriker ggf. nicht mal „schnell durch einen Sync helfen“ kann. Diese Funktionalität soll immerhin noch 2017 nachgereicht werden…

Keine Synchronisation mit ETS 5 Pro

Nur eine (TP-)Linie möglich:

Pro Medientyp-Linie (TP, IP, RF) sind max. 255 Geräte möglich. TP-Liniensegmente können offenbar über Linienverstärker gebündelt werden. Mehrere eigenständige Linien (z. B. Außen-, Innen-, Einliegerwohnung-Linien, uvm.) um sich ggf. gegen (Hacker)-Angriffe von Außen mittels Linienkoppler (inkl. Filterfunktion) zu schützen, sind nicht möglich!

Nur Online Katalog:

Es ist grundsätzlich kein Offline-Import von (alten) Produktdatenbanken möglich. Es können ausschließlich Geräte aus dem KNX-Online-Katalog hinzugefügt und konfiguriert werden. Ältere Geräte, die man evtl. gebraucht (über Auktionsplattformen) kauft und die dazugehörigen Datenbanken nicht online sind, können nicht mehr eingebunden werden! Ganz zu schweigen von Produkten zahlreicher Hersteller, die ihre Online-Katalog-Präsenz nur „stiefmütterlich“ pflegen. Der Einsatz von (älteren) Geräten mit Plugins ist ebenfalls nicht vorgesehen.

iPhones als Clients werden nicht unterstützt:

Richtig gelesen: iPhones werden (von der iOS ETS-Inside-App) aufgrund der zu geringen Display-Größe nicht als Konfigurations-Clients unterstützt. iPads sind möglich, sowie Windows-App-fähige Geräte und Android-Hardware.

Erstellung einer Visualisierung schwierig:

Da keine Export-Funktion für Kommunikationsobjekte verfügbar ist, werden freie Visualisierungslösungen nur unter großem Aufwand möglich.

Flags können nicht angepasst werden:

Tiefere Eingriffe in die Parametrierung der Kommunikationsobjekte (Änderung der Flags) sind nicht erwünscht/vorgesehen. Genauso wenig können physikalische oder Gruppen-Adressen vergeben oder geändert werden. Geräte-Informationen auslesen oder Geräte entladen wird nicht angeboten.

Rudimentäre Analyse/Diagnose-Möglichkeiten:

Ein vollwertiger Bus-/Gruppenmonitor wie in der ETS 5 wird aktuell nicht von der ETS Inside angeboten. Lediglich ein „Monitor“, mit dem man weder sortieren, noch filtern, noch Gruppenadressen lesen oder schreiben kann. Damit gestaltet sich die Überwachung der laufenden Kommunikation sowie die gesamte Analyse & Diagnose-Anwendung – mit der ETS Inside allein – recht schwierig.

Raspberry Pi wird nicht unterstützt:

Der beliebte Kleinstrechner wird mangels ausreichendem RAM (< 2 GB) als Basis-Plattform nicht unterstützt.

Win10 IoT (Core) wird nicht unterstüzt:

Die günstige Windows IoT (Internet of Things) Edition wird als Betriebssystem nicht unterstützt. Der benötigte Microsoft-Standard-Dienst „Internet Information Services (IIS)“ ist auf dieser Edition nicht lauffähig. Die Kombination aus Raspberry Pi und Win10 IoT Core wird also für immer ein Wunschtraum bleiben.

Gewöhnungsbedürftige Benutzeroberfläche:

Die auf Touch-Displays hin optimierte grafische Benutzeroberfläche kann man mögen oder nicht. Auf jeden Fall leidet die allgemeine Übersicht: Zum Teil werden Texte un-einsehbar in Elementen abgeschnitten, man weiss zudem nie richtig wo etwas (strukturell/hierarchisch) eingeordnet ist – mehrere Klicks sind jedes Mal erforderlich, um ans Ziel zu kommen.

… (Fortsetzung folgt?) …

Fazit

Ernüchternd, oder? Für eine kleinere KNX-Installation eines Einfamilien-Hauses ohne größere Ansprüche mag die Software eine annehmbar günstige Alternative sein. Für echte Nerds wie mich und euch da draußen, die das Maximum an Features herausholen wollen und bis ins kleine Detail einsteigen möchten, kann die derzeit verfügbare ETS Inside niemals einein vollwertigen Ersatz für den Klassiker ETS (5) Professional darstellen.

Aus unserer Sicht ist die ETS Inside ein Fehlschlag.

Die Macher wollten ein einfaches Werkzeug für Jedermann ohne spezielle IT-/KNX/-Kenntnisse schaffen, um den Einstieg günstig und attraktiv zu gestalten. Es kann allerdings bezweifelt werden, dass die Klientel, die bereit ist für (KNX-)Smarthome-Anwendungen in ihren Häusern gutes Geld zu investieren, nun plötzlich 500 € sparen will, um sich mit der ETS Inside App umständlich „herumzuschlagen“, in der man lediglich ein bis zwei Parameter seiner Installation ändern möchte.

Entweder man ist bereit Geld für den Elektriker auszugeben, der die Programmierung für einen anpasst, oder man ist bereit Geld für die ETS-Professional-Variante auszugeben, um flexibel (und ohne Einschränkungen einer „Light“-Variante) alles in Eigenregie durchzuführen. Folgerichtig wäre es besser gewesen, den Zugang zur ETS Professional günstig und attraktiv zu gestalten anstatt eine („Krüppel“-)Version für eine Minderheit herauszubringen.

Das habt ihr aber alles schon vorher geahnt, nicht wahr…? 😉

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